Mario Sedlak
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Verdunstungszähler sind eigentlich nicht mehr zeitgemäß, aber in Wiener Gemeindebauten noch Standard.

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Elektronischer Verbrauchsmesser

Umstellung auf elektronische Zähler an den Heizkörpern

2021 fragte ich bei meinem Vermieter (Wiener Wohnen) und meinem Fernwärme-Lieferanten (Wien Energie), wann elektronische Zähler statt der Verdunstungsröhrchen kommen bzw. wer die Umstellung veranlassen müsste.

Klar ist mir, dass nicht jeder Kleinkunde selber entscheiden kann, welche Zähler er haben will. Es muss für alle gleich sein, sonst würde die Abrechnung grob falsch werden, weil es bei den elektronischen Zählern (fast) keine Kaltverdunstung gibt.

In meinem Fernwärme-Vertrag (abgeschlossen 1990 mit einer Vorgängerfirma von Wien Energie) steht im Abschnitt III, Punkt 2:

Ort und Art der Anbringung, Anzahl und Größe sowie ein etwaiger Austausch der Messeinrichtungen werden von der Heizbetriebe Wien GmbH bestimmt.

Kosten

Wie viel die Umstellung auf elektronische Zähler einmalig und laufend kostet, wollte mir die Servicestelle von Wien Energie nicht verraten. Das könne nur der Großkundenvertragspartner anfragen – zustimmen müssten aber alle ca. 1000 Fernwärme-Kunden der Wohnhausanlage.

Die Pressestelle von Wien Energie war auskunftsfreudiger. Sie bezifferte die zusätzlichen laufenden Kosten von elektronischen Zählern auf "ca. 25 €/Jahr" für eine 70-m2-Wohnung.

Einig waren sich bei meiner Anfrage Wiener Wohnen und Wien Energie, dass die einmaligen Kosten für die Umstellung "immens" seien. Wien Energie begründete das mit der Energieeffizienzrichtlinie, die im Falle einer Umrüstung vorschreibe, dass die Zähler fernauslesbar sein müssen. Deswegen brauche man umfangreiche Elektronik (Datenkonzentratoren, Funkmodule, Router etc.).

Ich kann in der Energieeffizienzrichtlinie (EU) 2018/2022 keinen solchen Passus finden. Vielmehr steht dort, dass alle Zähler bis 2027 fernauslesbar sein müssen – allerdings nur, wenn das technisch machbar und "kosteneffizient" ist.[1] Außerdem gilt jeder Zähler, der ohne Betreten der Wohnung abgelesen werden kann, als "fernablesbar". Es reicht daher ein mobiles Gerät, mit dem ein Ableser in die Nähe der Wohnungen geht oder fährt (sofern der österreichische Gesetzgeber keine schärferen Vorschriften erlässt).[2]

Außerdem müssten die fernauslesbaren Zähler die Ablesung verbilligen, sodass keinerlei Erhöhung der laufenden Kosten gerechtfertigt erscheint. Die Anschaffung und Erhaltung der Elektronik zur automatischen Datenübertragung kann nach meiner Schätzung kaum mehr als "ca. 25 €/Jahr" pro Fernwärme-Kunde ausmachen. Die Installation einer Gegensprechanlage kostet wahrscheinlich gleich viel oder mehr. Dennoch hat Wiener Wohnen 2017 auf meiner Stiege eine einbauen lassen. Da gab es anscheinend überhaupt keine Probleme mit "immensen" Kosten.

Meine Einschätzung

Wiener Wohnen und Wien Energie gehören beide zu 100% der Stadt Wien. Wenn ein Wille vorhanden wäre, dann wäre eine Umstellung auf moderne elektronische Zähler wohl möglich. Vermutlich ist aber kein Wille vorhanden, denn ohne Kaltverdunstung wird die Fernwärme für Leute in einer Randlage, wo viel geheizt werden muss, empfindlich teurer.

Wenn nicht die Politik in Österreich oder der EU ausreichend hohen Druck ausübt, gibt es in Wiener Gemeindewohnungen wahrscheinlich auch in 100 Jahren noch Verdunstungsröhrchen.

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Betrug bei der Fernwärme-Abrechnung

Quellen

[1] Artikel 9c der Energieeffizienzrichtlinie (EU) 2018/2022
[2] Anfang der Energieeffizienzrichtlinie (EU) 2018/2022 – "Den Mitgliedstaaten steht es frei, zu entscheiden, ob Walk-by oder Drive-by-Technologien als fernablesbar gelten oder nicht. Für die Ablesung fernablesbarer Geräte ist kein Zugang zu den einzelnen Wohnungen oder Einheiten erforderlich."