Mario Sedlak
Umweltschutz
Geld
Irrtümer
Freizeit
Mathematik und Physik
Humor
Glaube
Computer
Wirtschaft
Über meine Artikel
Neue und erweiterte Seiten

Dieser Artikel wurde im SOL-Magazin, Frühling 2021, S. 20 veröffentlicht. Das SOL-Magazin ist eine Zeitschrift des "Nachhaltigkeitsvereins" SOL.


Wohin mit dem Ökostrom?

Selbstverständlich sollte der vorhandene Ökostrom dort verwendet werden, wo er am meisten CO2 einspart, oder?

Foto

In einer naiven Ökobilanz wird jeder Stromverschwender, wenn er nur mit Ökostrom betrieben wird, umweltneutral.

Umweltschützer sind sich einig, dass Außenheizungen und Schneekanonen nicht zu befürworten sind, auch wenn sie mit reinem Ökostrom betrieben werden. Wir haben nicht so viel CO2-freien Strom, dass wir ihn verschwenden können.

Diskussionen gibt es über Elektrofahrzeuge und die Produktion von Wasserstoff z. B. für Lkws. Hier hängt die Sinnhaftigkeit für das Klima entscheidend vom verwendeten Strom ab. Es leuchtet ein, dass mit Ökostrom die Klimabilanz unschlagbar wird. Aber das ist zu kurz gedacht! Die richtige Frage müsste lauten:

Für welchen Zweck soll ich den Ökostrom verwenden, sodass er am meisten Treibhausgase einspart?

Beispiele

Was man mit Ökostrom tun kann: CO2-Ersparnis:
Braunkohlestrom ersetzen 1100 g/kWh
Steinkohlestrom ersetzen 900 g/kWh
Benzin- oder Dieselmotor durch Elektroantrieb ersetzen 900 g/kWh
Ölheizung durch effiziente Luft-Wärmepumpe ersetzen 900 g/kWh
Strom aus Gaskraftwerken ersetzen 450 g/kWh
Ölheizung durch simple Stromheizung ersetzen 300 g/kWh
Wasserstoff erzeugen und damit Benzin oder Diesel durch Brennstoffzelle ersetzen 250 g/kWh
Gasheizung durch simple Stromheizung ersetzen 200 g/kWh
synthetische Treibstoffe (Benzin, Diesel, Kerosin) erzeugen 150 g/kWh
synthetisches Erdgas (Methan) erzeugen 100 g/kWh

Nicht immer sind alle Optionen verfügbar oder sinnvoll. Am einfachsten ist die Einspeisung des Ökostroms ins Netz, wodurch meist Kohle oder Gas ersetzt wird.
Die Vorkette der ersetzten Energie ist in den Zahlen berücksichtigt; der Aufwand für Fahrzeuge und Infrastruktur nicht.

Wenn ich beispielsweise Solarzellen am Dach habe, kann ich den gewonnenen sauberen Strom verwenden, um mein Elektroauto günstig aufzuladen. Oder ich fahre einen Verbrenner und speise meinen Solarstrom ins Netz. Wenn dadurch ein Steinkohlekraftwerk runterfährt, ergibt sich ungefähr die gleiche CO2-Ersparnis. In Österreich wird zwar kein Kohlestrom produziert, aber Österreich ist keine Insel. 10–15% des Stroms importieren wir aus dem Ausland, insbesondere aus Deutschland, wo noch jede Menge Kohlekraftwerke in Betrieb sind. Am meisten CO2 produzieren Braunkohlekraftwerke, die es in unserem Nachbarland noch bis 2038 geben soll. Aus Klimaschutzgründen sollte jeglicher Ökostrom zuallererst dazu verwendet werden, diese Stromerzeuger zu ersetzen, wenn es möglich ist.

Die Zillertaler Bahn soll ab 2023 mit Wasserstoff statt Diesel fahren. Der Wasserstoff wird direkt bei einem Wasserkraftwerk produziert. Fossile Energie wird also durch erneuerbare ersetzt. Bevor man jubelt, sollte man aber nachrechnen. Zwei Drittel der Energie gehen bei der Erzeugung und Rückverstromung des Wasserstoffs verloren. Die Zillertaler Wasserstoffbahn braucht deshalb sogar mehr Energie, als wenn jeder Fahrgast im eigenen Elektroauto fährt. Durch die Umstellung auf Wasserstoffzüge werden jährlich 2400 Tonnen CO2, die die Dieselloks ausstießen, vermieden. Andererseits könnte der Ökostrom, der für die Wasserstofferzeugung verbraucht wird, 4500 Tonnen CO2 vermeiden, wenn er Gaskraftwerke ersetzt, oder sogar 9000 Tonnen CO2, wenn er Steinkohlestrom ersetzt.

Bahnstrecken mit Oberleitung sind viel effizienter als Wasserstoffzüge. In Österreich wird das Bahnstromnetz hauptsächlich mit Strom aus Wasserkraftwerken gespeist. Deswegen wird der Bahn oft eine perfekte Klimabilanz ausgewiesen. Doch auch den sauberen Bahnstrom könnte man verwenden, um Gas- oder Kohlekraftwerke runterzufahren. Wenn die Güterzüge durch die Vermeidung von Lkw-Fahrten weniger CO2 einsparen, dann könnte man sich den Aufwand mit der "rollenden Landstraße" (vorerst) sparen. Doch in dem Fall gewinnt die Bahn, da Stahlräder auf Stahlschienen effizienter als Gummireifen auf Asphalt sind. Beim Personenverkehr könnte hingegen tatsächlich CO2 gespart werden, wenn die Züge stehen bleiben, der Bahnstrom Kohlestrom ersetzt und stattdessen Dieselbusse fahren. Das heißt nicht, dass das so geschehen soll, aber solange Kohle verstromt wird, braucht das Klima nicht dringend "mehr Bahn".