Mario Sedlak
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Über meine Artikel

Diesen Artikel habe ich während meines Mathematik-Studiums geschrieben. Er wurde in der Studentenzeitung Das Theorem, 15/1997, S. 9 veröffentlicht.


Ist Mathematik harmlos?

Es ist bekannt, dass jedes Studium seine Gefahren in sich birgt. Angehende Chemiker sprengen sich gelegentlich selbst in die Luft, Elektrotechniker bekommen manchmal unbeabsichtigt eine Punker-Frisur, Philosophen verfallen zuweilen in Gedankenlähmung, nur Mathematik-Studenten glauben, ihnen könne absolut nichts passieren. Das ist ein gefährlicher Irrtum! Ich fühle mich verpflichtet, ohne irgendwelche Beschönigungen über jene Symptome zu berichten, die man unbedingt kennen muss, um sie im Fall des Falles gleich richtig deuten zu können.

Es beginnt zuerst unmerklich, dann alarmierend und immer schneller. Dieser schleichende Verlauf macht die Sache so heimtückisch. Man merkt nicht, dass irgendetwas Seltsames vor sich geht. Da man als Mathematiker sowieso überall nur Formeln sieht, fällt es einem gar nicht auf, wenn es einmal wirklich ernst wird.

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"Vektorfeld"

Den Anfang macht meistens irgendetwas scheinbar Unbedeutsames, etwa dass man versehentlich statt die Matrix zu transponieren, sich selbst und den Schreibtisch transponiert. Dann dauert es aber oft nicht mehr lange, und die ersten Tageslicht-Halluzinationen treten auf. Man sieht sich verfolgt von gefräßigen und Furcht einflößenden Annullatorpolynomen, hält Kirschen für lineare Abbildungen mit nicht trivialem Kern und männliche Studenten glauben beim morgendlichen Blick in den Spiegel, ein Vektorfeld zu erkennen. In diesem Stadium beginnen viele, eine panische Furcht vor einer Entführung durch Außerirdische zu entwickeln – allerdings nicht aus Angst, schmerzhaften und peinlichen Untersuchungen wehrlos ausgesetzt zu sein, sondern davor, dass sie einen Gedächtnisverlust erleiden, und das ganze Skriptum zur Funktionalanalysis erneut lernen müssen. Schweißgebadet wachen die Betroffenen dann nachts auf und können erst wieder einschlafen, nachdem sie sich überzeugt haben, dass sie keinen einzigen Beistrich vergessen haben.

Es müssen aber nicht immer Albträume auftreten. Ein vielleicht noch mehr Besorgnis erregendes Zeichen ist, wenn man feststellen muss:

Früher waren meine Träume so schön, dass ich sie für 30 Jahre als TOP SECRET klassifizieren musste – nun kann ich den Inhalt meiner Träume für 30 Jahre mathematische Forschung verwenden.

Da während des Mathematik-Studiums das Gefühlsleben oft zu kurz kommt, sucht sich das Unterbewusstsein einen Ausgleich und beginnt, sich Gedanken über so tiefsinnige Fragen zu machen wie z. B.:

Bei manchen führt das Ganze sogar so weit, dass sie an den Grundlagen der Mathematik zu zweifeln anfangen und keck behaupten, das ganze Axiomensystem sei nichts als ein Hirngespinst und alle daraus abgeleiteten Aussagen reine Spekulation. Mit fortschreitendem Verlust des Bezugs zur Wirklichkeit verbrennen sie alle Bücher und Skripten der "konventionellen" Mathematik und brechen in eine Druckerei ein, um ihre eigenen Theorien zu vervielfältigen. So weit kann es also kommen, wenn man Mathematik (oder das, was ich hier schreibe) zu ernst nimmt. ;-)