Mario Sedlak
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Über meine Artikel

Diesen satirischen Artikel habe ich während meines Mathematik-Studiums geschrieben. Er wurde in der Studentenzeitung Das Theorem, 5/1996, S. 7 veröffentlicht.


Funktionalanalysis – Strafe Gottes?

Der Fachwelt stockte der Atem, als kürzlich die neuen, sensationellen Erkenntnisse zu den Ursprüngen der Mathematik bekannt wurden. Wir berichten exklusiv über diese Funde, die Licht auf bisher völlig im Dunkeln liegende Fragen werfen, wie z. B.: Stimmt es, dass Gott die natürlichen Zahlen erschaffen hat? Woher kommt das Chaos in der Mathematik? Ist die Funktionalanalysis wirklich Strafe Gottes, wie von einigen Studenten behauptet wird? Wenn ja, Strafe wofür? All das wird nun völlig klar, nachdem ein Student beim Stochern im Mensa-Essen uralte handschriftliche Fragmente gefunden hat. Sie sind in hebräisch abgefasst und eine gewisse Ähnlichkeit zum Schöpfungsbericht der Bibel ist nicht von der Hand zu weisen.

Am Anfang schuf Gott die Logik und die Nullmenge. Und die Nullmenge war wüst und leer, und es war finster zwischen den Mengenklammern; und der Geist Gottes schwebte über der Logik. Und Gott sprach: Es sei N die Menge der natürlichen Zahlen. Und es geschah so. Und Gott sah, dass die Idee gut war, denn nun schied Gott die Zahlen von anderen Zeichen und definierte die anderen Zeichen als Rechenoperationen. Da ward aus Definitionen und Sätzen das erste Kapitel.

Und Gott sprach: Es werde eine Eigenschaft zwischen den Zahlen, die da scheide zwischen den Zahlen. Da machte Gott diese Eigenschaft und schied die negativen Zahlen von den positiven Zahlen. Und Gott nannte die Eigenschaft Vorzeichen. Da ward aus Definitionen und Sätzen das zweite Kapitel.

Und Gott sprach: Es sammlen sich Zahlen zwischen geschwungenen Klammern an besondere Orte, so dass man kein Ende sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Ende Grenzwert, und die Sammlung der Zahlen nannte er Folge. Und Gott sprach: Es sollen Kriterien hervorgehen, die das Ende berechnen, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. Da ward aus Definitionen und Sätzen das dritte Kapitel.

Und Gott schuf zwei große Disziplinen; eine gutartige, die jeden aufrichtig Suchenden mit einem klaren Algorithmus belohnt, und eine bösartige, die jeden auffrisst, der sich ihr unvorbereitet nähert. Und Gott nannte sie Algebra und Analysis. Da ward aus Definitionen und Sätzen das vierte Kapitel.

Und Gott sprach: Es wimmle die Algebra von abstrakten Gebilden. Und Gott schuf Gruppen, Ringe, Körper und alles Zeug, was es da sonst noch gibt, ein jedes nach seiner Art. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet abstrakte Bücher. Da ward aus Definitionen und Sätzen das fünfte Kapitel.

Und Gott sprach: Lasset uns Studenten machen, die da herrschen über die Gebilde der Algebra und die Auswüchse der Analysis. Und er sprach zu ihnen: Machet sie euch untertan. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Definitionen und Sätzen das sechste Kapitel.

Und so vollendete Gott seine Werke, die er machte, und wollte zur Ruhe gehen. Doch kaum war er eingeschlafen, weckten ihn die Studenten: "Aber unser HERR, du bist doch noch gar nicht fertig! Du hast noch nicht die Division durch Null definiert und bei vielen dynamischen Gleichungen herrscht noch Chaos!" Da erzürnte der HERR: "Ich werde Euch lehren, mich um meinen Schlaf zu bringen! Von nun an sollt ihr in einem dreidimensionalen Vektorraum über R gefangen sein! Formeln sollen euch verfolgen, aber die Anschauung soll auf der Strecke bleiben! Und damit euch nicht mehr in den Sinn kommt, mich zu stören, mache ich euch etwas, das euch für lange Zeit Kopfzerbrechen bereiten wird; es soll Funktionalanalysis heißen."

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