Mario Sedlak
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Diesen Artikel veröffentlichte ich am 19.11.2015 in meinem Blog auf Utopia.de, einer Plattform für "nachhaltig leben". 2019 wurden alle alten Benutzerbeiträge dort gelöscht.


Ökostrom an der kurzen Leine

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Quelle: Austrian Power Grid, Vortrag vom 17.11.2015

400 000 Tonnen Kohlendioxid mussten allein in Österreich bereits ausgestoßen werden, nur weil emissionsfreier Strom nicht bis zu den Verbrauchern transportiert werden konnte, berichtet Österreichs Übertragungsnetzbetreiber Austrian Power Grid.

Es kommt jedes Jahr zu immer stärkeren Engpässen im Stromnetz, weil dessen Kapazität im Vergleich zum rasanten Ausbau der Öko-Kraftwerke nur langsam erhöht wird. Windkraftwerke und Solarzellen sind zwar dezentrale Kraftwerke, aber oft erzeugen sie mehr Strom, als in der Region vor Ort verbraucht wird. Wenn dieser mangels Netzkapazitäten nicht bis zu weiter entfernten Verbrauchern oder Pumpspeichern in den Alpen abtransportiert werden kann, dann müssen die Öko-Kraftwerke abgeschaltet und stattdessen für gutes Geld Ersatzenergie aus konventionellen Kraftwerken angefordert werden.

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Ich verstehe nicht, wie irgendjemand auf seriöse Weise zu der Ansicht kommen kann, wir haben bereits genug Stromleitungen. Wind und Sonne erzeugen in Deutschland erst 15% des Stroms. Drei Viertel des Stroms werden noch konventionell erzeugt. Um auf 100% Ökostrom zu kommen, werden wir ein Supernetz brauchen. Mit kleinen, "intelligenten" Veränderungen (Lastverschiebungen, virtuelle Kraftwerke) haben wir keine Chance, denn bereits die 5% Solarstrom decken zu Spitzenzeiten 50% des Strombedarfs.

Das ist auch der Grund, wieso ich keine Angst habe, dass neu errichtete Leitungen hauptsächlich zum Transport von Braunkohle- oder Atomstrom dienen könnten: Braunkohle- und Atomkraftwerke brauchen wegen ihrer gleichmäßigen Erzeugung relativ geringe Kapazitäten, während Solarzellen für 1 Watt Durchschnittserzeugung 9 Watt Netzkapazitäten brauchen. Windkraftwerke an Land brauchen 4 Watt und Windkraftwerke am Meer 2 Watt für dieselbe Durchschnittsleistung. Das zeigt: Ökostrom-Kraftwerke sind viel mehr auf starke Netze angewiesen als konventionelle Dampfkraftwerke. Da Wind und Sonne gratis sind, können Windkraftwerke und Solarzellen alle anderen Kraftwerke unterbieten. Ein starkes Netz führt also dazu, dass konventionelle Wärme- und Atomkraftwerke vom Markt gedrängt werden. Die müssten eigentlich den Netzausbau bekämpfen, aber keinesfalls die Umweltschützer und Energie-Vorkämpfer.

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Die energischen Proteste von Bürgerinitiativen verzögern die nötigen Netzverstärkungen um Jahre oder gar Jahrzehnte. Um die Proteste einzudämmen und Leitungsbauprojekte zu beschleunigen, schlägt das österreichische Ökobüro eine "strategische Umweltprüfung am runden Tisch" vor. Die soll es Vertretern aller Interessensgruppen ermöglichen, bereits vor der eigentlichen Umweltverträglichkeitsprüfung formell mitsprechen zu dürfen. Bei Windkraftwerken im Burgenland und Müllverbrennungsanlagen in Wien habe das gut funktioniert, weil man alle Beteiligten vorab von deren Sinnhaftigkeit überzeugen konnte.

Ich wage jedoch zu bezweifeln, dass die Vorab-Umweltprüfung wirklich die Emotionen rund um Hochspannungsleitungen im Zaum halten kann. Bei der Vorstellung der Idee am 17.11.2015 machten die anwesenden Leitungsgegner deutlich, dass sie sich eigentlich ein Vetorecht wünschen. Die österreichische Umweltorganisation Global 2000 hält ausdrücklich fest, dass auch bei wichtigen Netzverstärkungen wie dem 380-kV-Ring in Österreich immer auch "die Nullvariante" das Ergebnis der Prüfung sein kann (also nichts zu bauen). Die Umweltorganisationen werden von Leitungsgegnern regelrecht mit Anfragen überschüttet und können die Rechnungen der Netzbetreiber kaum nachvollziehen, sagen sie. Das ist keine gute Voraussetzung für eine unvoreingenommene Prüfung und Entscheidung nach rein sachlichen Kriterien.

Der Netzbetreiber Austrian Power Grid wünscht sich, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung zeitlich begrenzt wird. Zwar besteht derzeit schon ein gesetzliches Limit von 15 Monaten, aber das wird nicht eingehalten. Die Salzburgleitung wird jetzt schon seit 35 Monaten geprüft, und mindestens 12 weitere Monate werden erwartet. Zu jeder Zeit können Leitungsgegner neue Gutachten einbringen, worauf dann wieder Gegengutachten zu erstellen sind. Das kann theoretisch unendlich lang dauern, berichtete Vorstandsmitglied Gerhard Christiner von der Austrian Power Grid AG. Und währenddessen wird in mancher Gemeinde munter gebaut, sodass die geplante Stromtrasse nicht mehr verwendbar ist ...