Mario Sedlak
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Über meine Artikel

Peter Geißler:

Zunächst möchte ich klarstellen: Ihre Sichtweise erscheint mir radikal, jedoch nur auf der Grundlage meiner Sichtweise. Mir ein Urteil über Sie zu erlauben, kann ich nicht, falls es bei Ihnen so angekommen ist, entschuldige ich mich.

Im Grunde fürchte ich, wir reden in gewisser Weise aneinander vorbei, weil ich Ihre Sichtweise nicht vollständig genug kenne und Sie meine nicht. Die akademische Psychologie ist eine Wissenschaft, aber da gibt es andere, die man den Geisteswissenschaften zurechnen müsste, die aus meiner Sicht eine gleichwertige Rolle neben den Naturwissenschaften haben. Ich würde sogar sagen: Das eine braucht notwendigerweise das andere. Nur sich an die Naturwissenschaften zu orientieren wäre genauso unvollständig wie nur an den Geisteswissenschaften. Die Quantenphilosophie ist für einige Geisteswissenschaftler deswegen so attraktiv, weil sie auf etwas Geistiges verweist, in letzter Konsequenz vielleicht auf eine Quanteninformation, die uns Geisteswissenschaftlern sehr grundlegend erscheint. Aus unserer Sicht ist die klassische Physik eher so etwas wie eine Reduktion: Wenn man nicht wirklich genau hinschaut, dann scheint sie das, was sich in der Welt ereignet, ausreichend durch sie erklären zu lassen. Schaut man aber so genau wie möglich hin – also in den "Mikrokosmos" – dann erweist sich die klassische Physik in gewisser Weise als Trugbild bzw. als Konsequenz eines eben nicht genauen Hinschauens. Sie haben sicher Recht, dass dieser Eindruck mit unserer Perspektive zu tun hat, und dass sich das Gleiche für Sie als "reinen" Empiriker, wenn ich das mal so sagen darf, ganz anders darstellt.

Spannend ist besonders etwas, was Hans-Peter Dürr einmal gesagt hat, nämlich: Wenn man auf die Teilchen schaut und immer genauer schaut, immer genauer, dann sind irgendwann die Teilchen nicht mehr nachweisbar (ich glaube, er sagte: nicht mehr messbar). Aber etwas Messbares bleibt dennoch: die Beziehung zwischen diesen Teilchen. Das ist für uns relationale Psychotherapeuten – die so sehr an Beziehung "glauben" – jawohl: "glauben!" – natürlich ein wunderbarer Befund, denn nun fühlen wir uns quasi bestätigt in bestimmten Annahmen. Ich "glaube", es ist genau das: Die Quantenphysik gilt uns als Bestätigung für etwas, was wir schon immer vermutet haben. Daher finden manche von uns sie hochinteressant.

Dass wir dieses Interesse jedoch so stark positiv bewerten, mag wiederum ein Folgeprodukt dessen sein, dass wir in den Geisteswissenschaften eben oft nicht mit klar beweisbaren Belegen wie in den Naturwissenschaften zu tun haben und daher gleichsam nach äußerer Bestätigung dursten. Darin äußert sich ein gewisser Minderwert der Geisteswissenschaften, weil viele von uns wohl "glauben", dass in der gegenwärtigen Gesellschaft die Naturwissenschaften als wichtiger bewertet werden als die Geisteswissenschaften. Das kommt vielen von uns – denke ich – nicht richtig vor.

Mario Sedlak:

Empiriker und Philosophen reden praktisch immer aneinander vorbei, da sie völlig andere Denkweisen und Ziele haben. Natürlich ist die Naturwissenschaft nicht alles im Leben, und natürlich sollte jeder Empiriker etwas von Wissenschaftstheorie verstehen. Aber Metaphysik? Aus meiner Sicht sind das einfache Analogieschlüsse ohne größeren Wert für das Verständnis der Welt. Ein bisschen überspitzt, um meine Sichtweise verständlicher zu machen: Der Metaphysiker könnte aus Newtons Gravitationsgesetz, wonach sich alle Massen anziehen, den Schluss ziehen:

Ah, wussten wir's doch! Menschen ziehen einander an! Deswegen sind wir so soziale Wesen! Jetzt hat es auch die Physik erkannt! Und nachdem die Gravitation unendliche Reichweite hat, sind wir mit allen Menschen auf der ganzen Welt verbunden! Was für ein schönes Gefühl!

Auch bei der Quantenphilosophie werden nur oberflächliche Ähnlichkeiten gedeutet. Es ist ja empirisch nicht nachweisbar, dass es "etwas Geistiges" gibt, das unabhängig von Materie und Feldern oder Quantenteilchen existiert. Warum ist diese Spekulation dennoch so interessant? Für mich als "reiner" Empiriker ist das ein Rätsel. Ich kann absolut nicht zustimmen, dass man Metaphysik genauso wie Physik braucht, um die Welt zu verstehen. Spekulationen sind erlaubt, aber wenn sie nicht überprüfbar sind, dann sind Diskussionen über sie nicht nötig. Möglicherweise erfüllt Metaphysik eine Art religiöses Bedürfnis bei manchen Menschen. Also ich kann mir vorstellen, dass diese Menschen Metaphysik brauchen. Ich gebe auch zu, dass Physik und Metaphysik einander nicht ausschließen. Metaphysik ist prinzipiell unwiderlegbar. Und es gibt durchaus nicht wenige Berufsphysiker, die zugleich Philosophen sind.

Ich weiß nicht, was der von Ihnen zitierte Physiker Hans-Peter Dürr gemeint hat. Teilchen sind auch in der Quantenwelt immer messbar. Nur wenn man nicht "hinschaut" (genauer: nicht hinschauen kann), verhalten sich diese Teilchen wie Wellen. Es sind sogar alle Eigenschaften der Teilchen messbar, nur nicht alle gleichzeitig. "Beziehung" ist kein Begriff der Physik. Wenn mit "Beziehung" gemeint ist, dass Objekte miteinander interagieren, dann ist das eine Trivialität, die schon zur Zeit von Aristoteles bekannt war. Bei Newton kam erstmals eine Fernwirkung hinzu – das Gravitationsfeld. Dieses Gravitationsfeld fehlt übrigens in der Quantentheorie, denn bis jetzt hat kein Physiker die richtige "Formel" gefunden, um es zur Quantenwelt hinzuzufügen. Deswegen ist auch die Quantentheorie eine "Reduktion" bzw. "in gewisser Weise ein Trugbild". Das trifft aber auf alle wissenschaftlichen Modellvorstellungen zu, da die letzte Wahrheit nicht erkennbar bzw. nicht beweisbar ist. Die Metaphysik ist hier auch keine Hilfe, da sie prinzipbedingt keine "harten Fakten" liefern kann. Es tut mir leid, dass ich kein versöhnlicheres Fazit ziehen kann.

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philosophierende Physiker (Seite 7 von 7)