Mario Sedlak
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An der Steckdose ist die Herkunft des Stroms nicht feststellbar.

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An diesen Steckdosen soll nur Strom aus Wasserkraftwerken herauskommen.

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Dank Stromkennzeichnung können Elektroautos gedanklich mit reinem Ökostrom geladen werden.

Stromkennzeichnung

Jeder Stromanbieter muss auf der Jahresabrechnung angeben, in welchen Kraftwerken der Strom, den er dir geliefert hat, erzeugt wurde. Auf meiner Wienstrom-Rechnung für das Jahr 2005 steht z. B. in kleiner Schrift:

Der gesamte von der WIEN ENERGIE Vertrieb GmbH & Co KG gelieferte Strom stammt aus folgenden Energiequellen (Zeitraum 1.10.2004–30.9.2005): 35,0% Wasserkraft, 2,5% Wind- und Sonnenenergie, 1,5% sonstige erneuerbare Energie und 61,0% Erdgas.

Die Stromkennzeichnung wurde von der EU allein zu dem Zweck eingeführt, damit es auf dem Strommarkt laufend eine "Volksabstimmung" über die Art der Stromproduktion gibt. Wer gegen Atomkraftwerke ist oder wer nur ökologisch erzeugten Strom haben möchte, kann zu einem entsprechenden Stromanbieter wechseln.

Funktionsweise

Wenn ich Freunden oder Bekannten erzähle, wie die Stromkennzeichnung funktioniert, sehen die meisten darin einen Schwindel. Strom hat nämlich "kein Mascherl" – d. h. es lässt sich physikalisch nicht nachverfolgen, aus welchem Kraftwerk der Strom zu dir in die Steckdose kommt. Stattdessen können sich die Stromanbieter am Ende des Jahres frei entscheiden, wie sie die in ihren Kraftwerken erzeugten Strommengen auf ihre Kunden rechnerisch aufteilen. Sie können auch sogenannte Herkunftsnachweise von anderen Kraftwerksbesitzern kaufen und diese für ihre eigene Stromkennzeichnung verwenden – auch wenn sie nie tatsächlich Strom von diesen Kraftwerken bezogen haben! Sie können also ganz legal Atomstrom einkaufen und diesen auf der Stromrechnung als "Wasserkraft" deklarieren. Nur die Gesamtsummen des ganzen Marktes werden kontrolliert (wobei es in manchen Ländern noch Defizite gibt).

Beispiele

Ich habe die E-Control und den Verein für Konsumenteninformation um eine Stellungnahme dazu gebeten, und beide bestätigten mir, dass in allen genannten Beispielen die Stromanbieter eine korrekte Stromkennzeichnung haben. Es sei überhaupt kein Problem erkennbar, denn schließlich ist jede deklarierte Kilowattstunde ja tatsächlich in einem entsprechenden Kraftwerk erzeugt worden.

Beispiele aus dem Ausland

In der Schweiz arbeiten manche Stromanbieter nach der Strategie:

Auch in Norwegen, wo es fast nur Wasserkraftwerke gibt, wird ein durchschnittlicher Stromkunde kaum davon zu überzeugen sein, dass er etwas anderes als Wasserkraftstrom bekommt. Er sieht ja mit eigenen Augen die sauberen Kraftwerke ... Zudem wird in Skandinavien immer der vom Versorger erzeugte Strom deklariert (Stand: 2008), auch wenn der entsprechende Herkunftsnachweis z. B. an einen österreichischen Stromanbieter verkauft wurde. Somit glaubten sowohl der Norweger als auch der Österreicher, genau die gleiche saubere Kilowattstunde zu verbrauchen. Das sollte eigentlich nicht passieren! Erst seit 2009 dürfen Herkunftsnachweise aus diesen Ländern, die noch keine EU-konforme Stromkennzeichnung eingeführt haben, nicht mehr in Österreich verwendet werden.[2] Allerdings importierten österreichische Stromfirmen 2009 nichtsdestotrotz knapp 10 TWh solcher Nachweise aus dem Ausland.[3] 2011 stammten 17% der von ihnen verwendeten Nachweise aus Norwegen.[4] Dass 59% ihres Stroms offiziell "unbekannter Herkunft" ist, stört die Norweger nicht.

Mein Fazit

Die Idee der Stromkennzeichnung ist gut gemeint, funktioniert aber nicht wie erhofft. Einen besonders umweltfreundlichen Stromanbieter wähle ich nach anderen Kriterien aus.

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Kritik an der Stromkennzeichnung

Siehe auch

Weblinks

Quellen

[1] Christian Schönbauer von der E-Control sagte lt. einer Nachricht vom 8.1.2008 (nicht mehr aufrufbar), dass 1/3 der EU-Länder noch keine Stromkennzeichnungspflicht eingeführt hat.
[2] E-Control: Stromkennzeichnungsbericht 2010 (PDF, 9 MB), S. 18
[3] Association of Issuing Bodies: Annual Report 2009 (PDF, 2 MB), S. 8 (Diagramm "Imported per year")
[4] E-Control: Stromkennzeichnungsbericht 2012 (PDF, 8 MB), S. 35 (im PDF S. 36)