Mario Sedlak
Strommarkt
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Rechnerische Umverteilung von Strom

Strom ist ein vollkommen austauschbares Produkt: Jeder Stromanbieter liefert genau das Gleiche, jedes Kraftwerk erzeugt das Gleiche. Auch die Stromkennzeichnung ändert nichts daran, denn erzeugte Strommengen lassen sich auf dem Papier beliebig umverteilen, ohne dass sich für die Umwelt irgendetwas ändert.

Beispiele

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Der Verbund verkauft "100% Wasserkraft" und erzeugt gleichzeitig Strom aus Kohle.

Neben diesen Fällen von Kundentäuschung wird in der Werbung und in Jubelmeldungen von Lobbys häufig auch eine andere Art von fragwürdiger Umverteilung vorgenommen:

In Wirklichkeit müssen die Umweltwirkungen durch den Verbrauch von Strom in beiden Fällen gleich sein, denn Stromsparen ist das Gegenteil von Stromverbrauchen so wie Bergabgehen das Gegenteil von Bergaufgehen ist. Es ist nicht möglich, dass eine Straße bergab steil und bergauf vollkommen flach ist. Die gedankliche Umverteilung von zusätzlichem Stromverbrauch auf den Sockelbetrag, den umweltfreundliche Kraftwerke erzeugen, ist genauso absurd, wie zu behaupten: "Ein zusätzlicher Schritt auf den Berg ist mühelos, denn wir sind ja vorher genug Schritte in der Ebene gegangen."

Vergleiche

Für einen Durchschnittsmenschen, der z. B. "100% heimische Wasserkraft" kauft, ist schwer zu verstehen, wieso sein Stromverbrauch nicht unbedenklich für die Umwelt sein soll. Ich habe mir überlegt, wie ich die Zusammenhänge am Strommarkt, die zu dieser überraschenden Einschätzung führen, veranschaulichen könnte, damit sie leichter einsichtig wird. Das ist nicht leicht. Jeder Vergleich scheint in der einen oder anderen Weise nicht ganz passend zu sein. Ich gebe daher mehrere, in der Hoffnung, dass so das Wesentliche erkennbar wird:

  1. Das Ernten von Orangen ist mühsam. Was hältst du davon, den Erntehelfern die Arbeit zu erleichtern, indem du nur Orangen kaufst, die ohne Leiter gepflückt werden können? – Wie bei Strom handelt es sich bei den Orangen um austauschbare Produkte: Wenn du die bequem geernteten kaufst, kaufen die anderen Kunden eben die restlichen Orangen. Der Kernpunkt des Vergleichs besteht darin, dass es die bequem geernteten Orangen ohnehin gibt, es also nichts ändert, sie extra zu kaufen. Der "Fehler" des Vergleichs ist, dass es theoretisch denkbar ist, den Bauern so viel für die in Armlänge erreichbaren Orangen zu zahlen, dass sie die anderen einfach am Baum hängen lassen können. Diesen Fall gibt es bei Kraftwerken nicht.
  2. Ähnlich ist es, wenn du (aus welchem Grund auch immer) beschließt, im Supermarkt nur noch zu Kassa 2 zu gehen, um Kassa 1 zu entlasten. Wenn die meisten anderen Kunden einfach die Kassa mit der kürzesten Schlange wählen, ändert sich nichts – wie am Strommarkt, wo den meisten Kunden die Herkunft des Stroms egal ist.
  3. Angenommen, Biosprit wäre chemisch genau gleich wie Treibstoff aus fossilen Quellen (so wie Ökostrom und konventioneller Strom physikalisch gleichwertig sind). Dann könnte ich mit normalem Benzin, wie ich es an jeder Tankstelle bekomme, 100% CO2-neutral fahren, indem ich die 5% Bioethanol, die dem Benzin beigemischt sind, von 19 anderen Autofahrern vertraglich kaufe (und ihnen stattdessen meine 95% konventionellen Benzin verkaufe). Die anderen fahren dann mit "schmutzigem" Benzin (was sie nicht stört) und ich mit "sauberem". – Fertig ist die rein rechnerische Umverteilung wie bei Ökostrom, der dank Ökostrom-Förderung auch ohne meine Nachfrage erzeugt wird.
  4. "Für meinen Biodiesel wird kein Urwald abgeholzt", mag stimmen (so wie das Wasserkraftwerk, das dich evtl. beliefert, tatsächlich kein Kohlendioxid abgibt), aber die Bauern gehen dann eben mit anderen Produkten in den Urwald, denn die nun fehlende Anbaufläche muss ja irgendwo ersetzt werden. – Ebenso muss eine Stromverbrauchssteigerung von einem Wärmekraftwerk gedeckt werden, denn Wasserkraftwerke sind zu keiner Steigerung fähig.
  5. Dem Betreiber eines Gaskraftwerks wird vorgeworfen, dass er die Importabhängigkeit erhöhe. Er entgegnet, dass "sein" Gas ausschließlich aus inländischen Quellen stammt. – Aber in Wirklichkeit sind die inländischen Lagerstätten begrenzt, sodass jeder Mehrverbrauch aus dem Ausland kommen muss (ebenso wie die Ökostromproduktion auf absehbare Zeit begrenzt ist und jede Deckungslücke durch Wärmekraftwerke geschlossen werden muss).
  6. Angenommen, es ist eine Hungersnot, und die Bevölkerung lebt zu 70% von Konserven. Diejenigen, die die restlichen 30% frisch produzierten Lebensmittel kaufen, denken nicht ans Sparen. "Mein Essen ist ja frisch, daher trage ich nicht zur Verknappung von Konserven bei!", meinen sie, und fühlen sich durch den höheren Kaufpreis bestätigt. – Tatsächlich wird in Europa 70% des Stroms aus "Konserven" (fossile und atomare Energiequellen) hergestellt und nur 30% "frisch" (aus erneuerbaren Energiequellen). Wer mehr Strom als nötig braucht, der verzögert die Energiewende, auch wenn er den besten verfügbaren Ökostrom kauft!
  7. Auch Geld lässt sich gedanklich umverteilen: "Die Einnahmen aus der Steuer xy fließen ausschließlich in Umweltprojekte!" Die bisher schon vorhandene Finanzierung der Umweltprojekte wird allerdings im selben Ausmaß gekürzt ... – In Wahrheit also keine Änderung (wie beim Kauf von Strom aus existierenden Kraftwerken, der nur scheinbar die eigene Ökobilanz verbessert)
  8. Ebenso nutzlos wäre es, keine Geldscheine mehr anzunehmen, die jemals in den Händen der Atomindustrie waren (angenommen, es gibt eine entsprechende schwarze Liste von Seriennummern). Die Idee, damit der Atomindustrie die Grundlage zu entziehen, ginge nicht auf, denn die Besitzer solcher Geldscheine geben diese einfach anderswo aus. – Genauso wenig Hoffnung gibt es, dass irgendwann Kohle- und Atomkraftwerke abschalten müssen, weil niemand ihren "schmutzigen" Strom kaufen will.
  9. Angenommen, du machst mit einem Freund eine Zugreise und nutzt dafür eine Aktion "1 + 1 gratis". Dein Freund will nichts bezahlen, weil er meint, seine Fahrkarte war ohnehin gratis. – Er führt eine gedankliche Umverteilung durch wie jemand, der für seine eigene Ökobilanz nur die saubersten Kraftwerke heranzieht. Die Verbesserung seiner Ökobilanz ginge zulasten der anderen Kunden, deren Ökobilanz durch die rechnerische Umverteilung im selben Ausmaß schlechter wird.

Mein Fazit

Die Stromkennzeichnung sagt über die Umweltwirkungen durch den Verbrauch des gekauften Stroms nichts aus. Wer mit dem Strommix seines Anbieters rechnet, begeht einen Rechenfehler:

Der Umwelt ist es egal, wie wir die erzeugten Strommengen auf verschiedene Kundengruppen aufteilen!

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Atomstromanteil im Stromnetz

Siehe auch

Quellen

[1] Greenpeace: Atomstrom – nein, danke! (PDF, 4 MB), 2000, S. 29