Mario Sedlak
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So schaut "Simon" aus.

"Simon" von der Firma Oekostrom

"Simon" ist der Name von steckerfertigen Solarzellen, die von der Firma Oekostrom angeboten werden. Hersteller ist die Kärntner Firma Energetica. Die deutsche Ökostromfirma Greenpeace Energy befürwortet das Produkt. Benannt wurde es nach dem Oekostrom-Mitarbeiter Simon Niederkircher, der in einer Stadtwohnung lebt und schon lange von Solarzellen auf seinem Balkon träumt.

Hauptzielgruppe sind Städter in einem Mehrparteienhaus. "Simon" funktioniert auf dem Balkon, der Terrasse, im Garten, im Südfenster und überall sonst, wo eine gewöhnliche Steckdose in Reichweite ist.

Die Spitzenleistung beträgt 150 W (± 10%).

Preis: 628 € (inkl. Versand)

Die Firma Oekostrom hat "Simon" als revolutionäre Produktinnovation vorgestellt und damit viel Aufsehen erregt. Medien berichteten, und auch ich bekam in meinem Freundeskreis gleich mehrere Anfragen mit der Bitte um eine Einschätzung. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, denn es wird zu viel versprochen.

Werbeaussagen

simon ist dein Mini Kraftwerk, das überall und jederzeit Strom für dich produziert.

"Simon" funktioniert nur, wenn das Stromnetz zur Verfügung steht! Weder unterwegs noch bei Stromausfall noch nachts hat das Mini-Kraftwerk irgendeinen Nutzen. "Simon" hat keinen Stromspeicher.

Wo bisher fremdbestimmt wurde, wer welche Energie zu welchen Konditionen wofür verwenden darf, bietet dir simon ein Stück Unabhängigkeit von konventioneller Energieverteilungslogik.

Solarstrom kann man schon lange kaufen, z. B. von der Firma Oekostrom. Auch mit Simon bleibt man vom "Energieverteilungssystem" abhängig. Wenn die Netzkosten in Zukunft nicht mehr pro bezogener Kilowattstunde, sondern pauschal nach Anschlussleistung verrechnet werden, verschlechtert sich die Wirtschaftlichkeit von eigenen Solarzellen. Auch dagegen kann "Simon" nicht helfen.

Mit einer Spitzenleistung von 150 Watt gewinnt simon täglich genug Strom, um ein Mittagessen für zwei Personen zu kochen, eine Ladung Wäsche zu waschen, 35 Tassen Kaffee zu kochen oder 65 Scheiben Brot zu toasten.

Das sind nur rechnerische Durchschnittswerte, die Laien irreführen. Eine Kochplatte braucht mehr als 150 W. Diese Spitzenleistung steht außerdem nur bei strahlendem Sonnenschein und auch da nur zu ca. 90% zur Verfügung, weil das Modul dann warm wird und der Wirkungsgrad sinkt.

es kann davon ausgegangen werden, dass die gesamte erzeugte Energie direkt im Haushalt verbraucht wird.

In einer typischen Stadtwohnung wird kaum ein durchgängiger Verbrauch von 150 W vorliegen. Die Bewohner sind untertags i. A. in der Arbeit bzw. in der Schule; Standby-Verluste sollten weit darunter liegen. Es ist also davon auszugehen, dass ein großer Teil des selbst erzeugten Stroms nicht selbst verbraucht werden kann.

Aufhängen – einstecken – Strom produzieren. So unkompliziert kann es sein.

"Simon" ist nicht wirklich einfach in Betrieb zu nehmen. Das weiß Simon Niederkircher vom Projektteam nur allzu gut: Erst nach fast 2 Jahren bekam er die Genehmigung, seinen "Solarzwerg" anstecken zu dürfen. Seit 1.7.2016 wurde die Rechtslage in Österreich verbessert, sodass es nicht mehr so lange dauern sollte.[1] Die ersten "Simons" wurden aber schon Monate vorher ausgeliefert bzw. bei Gewinnspielen froh und munter verschenkt.

In Deutschland kämpft gerade Greenpeace Energy gegen Netzbetreiber, die die Inbetriebnahme von "Simon" untersagen.

Wird ein Solarzwerg über eine Steckdose angeschlossen, wird zwar gegen einen Satz einer Norm, aber gegen kein einziges Gesetz verstoßen. Selbstgeschriebene Dokumente von Vereinen wie dem KFE haben keinen Gesetzescharakter.

Interessanterweise schrieb Simon Niederkircher in einem Kommentar genau das Gegenteil:

Gesetzlich ist das in Österreich über eine Norm mit Gesetzescharakter verboten.

Tatsächlich ist die Ö-Norm E 8001-4-712, wonach Solarzellen fest anzuschließen sind, nicht gesetzlich verbindlich, sondern "nur" Teil der anerkannten Regeln der Technik. Wenn man die ignoriert, hat man im Falle eines Unfalls vor Gericht schlechte Karten. Die Firma Oekostrom spielt die Norm dennoch als unverbindliche "Empfehlung" herunter; Simon Niederkircher wirft dem Normungsausschuss vor, nur die Interessen von Konzernen und Elektrikern zu vertreten.

Das Mini Kraftwerk ist die erste komplette, steckdosenfertige Photovoltaikanlage für alle, die Strom einfach selber machen wollen.

Tatsächlich gab es schon 10 Jahre vor "Simon" steckerfertige Solarzellen.

Da dieses revolutionäre Design mit integriertem Wechselrichter noch nie produziert wurde, müssen wir dafür eine eigene Produktionsstraße einrichten.

Irgendeinen Grund müssen sie ja angeben, warum sie sich die Entwicklung ihres Produkts über 1000 Vorbesteller finanzieren lassen. Auch die Medien berichten lieber über etwas Neues. Viele sind auf den Schmäh reingefallen. Das ist erfolgreiches Marketing mit Falschinformationen ...

Angeblich haben aufwendige Recherchen ergeben, dass es laientaugliche steckerfertige Solarzellen noch nicht gibt. Kurz nachdem die 1000 Bestellungen beisammen waren, gab Simon Niederkircher zu: "Die bauliche Integration des Wechselrichters in das Solarmodul gibt es ... schon länger als ich vermutet habe."

simon ist ein Werkzeug zur Demokratisierung des Energiesystems
Revolutioniere mit uns den Energiemarkt – nur mit Deiner Hilfe schaffen wir es, die Demokratisierung der Energieerzeugung voranzutreiben!
Wir von homemade.energy GmbH [eine 100%-Tochter der Firma Oekostrom] kämpfen für eine Demokratisierung des Energiesystems.

"Demokratisierung der Stromwirtschaft" ist eine reine Kampfparole. Mit diesem Energiepopulismus spricht man die große Masse der wütenden "Energievorkämpfer" an. Wieder geniale Werbung zulasten der Seriosität ...

Kritik

Mein Fazit

"Simon" ist weder einfach noch revolutionär noch gewinnt man Unabhängigkeit, da "Simon" nur am Stromnetz funktioniert – also nichts für Leute, die einen Zusammenbruch des Kapitalismus erwarten und sich selbst versorgen wollen.

Leider ist "Simon" auch ein eindeutiger Beleg, dass die Firma Oekostrom auf einen populistischen Kurs eingeschwenkt ist.

Weiter

Firma Oekostrom als Ökostrom-Anbieter

Weblinks

Quellen

[1] E-Control: Technische und organisatorische Regeln für Betreiber und Benutzer von Netzen, Teil D, Abschnitt D4: Parallelbetrieb von Erzeugungsanlagen mit Verteilernetzen (PDF), Version vom 1.7.2016, S. 7 (Ausnahmen für Kleinsterzeugungsanlagen)