Mario Sedlak
Wissenschaftstheorie
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Ockhams Rasiermesser

Das Prinzip, welches durch den mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Ockham populär gemacht wurde, lautet:

Die einfachste Erklärung ist zu bevorzugen.

Oder anders formuliert:

Hypothesen sollen mit so wenig Annahmen wie möglich auskommen (Sparsamkeitsprinzip).

Wenn über Grenzwissenschaft, Schöpfung, "Wunder" usw. diskutiert wird, dann benutzen Skeptiker zuweilen Ockhams Rasiermesser als Gegenargument. Sie verwenden es aber in einer verschärften Form:

Die einfachste Erklärung ist wahrscheinlich die korrekte.

Diese Aussage kann man als widerlegt betrachten, denn in Physik, Astronomie, Psychologie usw. ist die Wirklichkeit sehr oft deutlich komplizierter, als man es in den ersten, einfachen Theorien angenommen hat. Ein Beispiel dafür, wie unerwartet komplex die Welt sein kann, ist die Quantentheorie. Wenn man in gewissen Fällen dennoch glaubt, dass das Einfache wahrscheinlicher ist, dann ist das durch Erfahrung zu begründen. Man erhält so aber nur eine Faustregel, kein unfehlbares Auswahlkriterium.[1]

Ich kann Ockhams Rasiermesser nur so interpretieren:

Annahmen, die keine überprüfbaren Konsequenzen haben, können weggelassen werden.

In diesem Fall wird Ockhams Rasiermesser zu einer Trivialität, denn wenn man Hypothesen als Modell zur Beschreibung der Wirklichkeit verwendet, dann wird man natürlich alles, was hierfür unnütz ist, weglassen.

Mein Fazit

Ockhams Rasiermesser hat keine grundlegende Bedeutung in der Wissenschaftstheorie. Es taugt zur Begründung, wieso die (empirische) Wissenschaft keine philosophischen Annahmen in ihre Theorien einbaut, aber nicht als Totschlag-Argument gegen Hypothesen, die dem Stand der Wissenschaft widersprechen.

Als bloße Faustregel betrachtet, verdient Ockhams Rasiermesser keinen eigenen Namen. Eine rein objektive Anwendung des Prinzips scheitert schon daran, dass nicht klar ist, was "einfach" ist.

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Beispiele für die Anwendung von Ockhams Rasiermesser

Quellen

[1] Phil Gibbs, Sugihara Hiroshi: What is Occam's Razor?, 1996/97 – "The principle of simplicity works as a heuristic rule of thumb, but some people quote it as if it were an axiom of physics, which it is not. It can work well in philosophy or particle physics, but less often so in cosmology or psychology, where things usually turn out to be more complicated than you ever expected."