Koppelprodukte
Wenn mit denselben Betriebsmitteln gleichzeitig mehrere Produkte hergestellt werden, führt das oft zu Problemen in Ökobilanzen, weil nicht eindeutig bestimmt werden kann, wie die Umweltwirkungen bei der gemeinsamen Herstellung den einzelnen Produkten zugeordnet werden sollen.
Beispiele
In einem weiteren Sinne:
- gleichzeitiger Transport mehrerer Produkte in einem Lkw
- allgemeiner Energiebedarf eines Betriebes – viele hergestellte Produkte
Methoden
Gutschrift
Wenn man ein Hauptprodukt bestimmen kann, dann kann man diesem in der Ökobilanz alle vorgelagerten Umweltwirkungen zuordnen und dann die durch die gleichzeitig produzierten Nebenprodukte vermiedenen Umweltwirkungen abziehen. Dazu bestimmt man die Ökobilanz der Nebenprodukte, wenn diese getrennt produziert worden wären. Hierbei kommt üblicherweise die Zuwachsbetrachtung zum Einsatz,[1] d. h. man fragt z. B.
- welche Strom- bzw. Wärmeproduktion durch die Kraft-
Wärme- Kopplung tatsächlich vermieden wurde - welche Futtermittel durch die Reste aus der Biospritherstellung ersetzt werden
Problem: Je nachdem, was man zum Hauptprodukt erklärt, ändert sich die Ökobilanz.
- Für Gaskraftwerke mit Kraft-
Wärme- ist es "günstig", wenn man den Strom als Nebenprodukt rechnet, denn dieser ist in der (groben) Zuwachsbetrachtung so schmutzig, dass die ausgekoppelte Wärme scheinbar keine (eigentlich sogar negative) Emissionen verursacht.[2] In Wirklichkeit hat man dabei nur wiederentdeckt, dass Gaskraftwerke relativ saubere Kraftwerke sind.Kopplung - Betrachtet man Strom als Hauptprodukt, würde aus derselben Betrachtung folgen, dass Gaskraftwerke so viel Strom wie möglich und keine Wärme produzieren sollten. In der Praxis werden sie das aber nicht tun, denn Gas ist teuer. Wenn sie nicht voll ausgelastet sind, führt die Auskopplung von Wärme nur zu einem Mehrverbrauch von Gas, aber nicht zu einer saubereren Stromproduktion.
- Wird hingegen das Kraftwerk nur in Betrieb genommen, weil man die Wärme braucht, ist Wärme eindeutig das Hauptprodukt. Das kann sich aber von Stunde zu Stunde ändern. Für die Ökobilanz ist in diesem Beispiel also entscheidend, wie genau die Zuwachsbetrachtung gemacht wird.
Sicher falsch ist es, einer Getränkedose den Vorteil der Wiederverwertbarkeit ihres Materials voll als Gutschrift anzurechnen, denn diesen Bonus könnte mit gleichem Recht auch das Produkt, das aus den alten Dosen hergestellt wird, für sich beanspruchen. Für eine faire Aufteilung müsste man sich meines Erachtens genau anschauen, ob generell mehr Alt- oder mehr Neumaterial gebraucht wird. Wenn die meisten Produkte Neumaterial brauchen, dann ist der Vorteil der Wiederverwertbarkeit gering.
Gutschriften werden von Ökobilanzierern oft als willkürlich empfunden und abgelehnt.[3]
Aufteilung nach Marktwert
Der Preis einer Aludose im Verhältnis zum Preis derselben nach Gebrauch könnte eine sinnvolle Aufteilung des Vorteils der Wiederverwertbarkeit sein:
- Wenn kaum Altmaterial gebraucht wird, dann ist dessen Preis nahe 0 und dementsprechend ist auch kein nennenswerter Vorteil in der Ökobilanz der wiederverwertbaren Aludose zu verbuchen.
- Wenn Altmaterial genauso gut wie Neumaterial ist, dann ist der Preis gleich und die Umweltbelastungen aus der ersten Gewinnung des Materials sind auf alle Generationen im gleichen Ausmaß aufzuteilen. Eine nicht wiederverwertbare Dose würde die Kette abbrechen und wäre in diesem Fall daher deutlich unökologischer als eine wiederverwertbare.
Anderes Beispiel: Bitumen hat einen relativ geringen Marktwert und daher erscheint es gerechtfertigt, die Umweltwirkungen der Raffinerie hauptsächlich den Hauptprodukten Benzin, Diesel usw. zuzuordnen.
Wissenschaftler, die Ökobilanzen als rein naturwissenschaftliche Angelegenheit sehen, lehnen die Berücksichtigung von Marktwerten jedoch ab.[4]
Aufteilung nach Heizwert, Fläche, Volumen oder anderen physikalischen Größen
Eine Aufteilung nach handfesten gemessenen Werten gefällt den meisten Ökobilanzierern am besten. Allerdings muss man sich gut überlegen, welchen Wert man nimmt:
- Bei der Kraft-
Wärme- Kopplung muss man berücksichtigen, dass Strom einen ca. dreimal so hohen Wert wie Heizungswärme hat. Eine Aufteilung nach Energie würde ein falsches Ergebnis liefern. - Beim gleichzeitigen Transport von zwei Produkten in einem Lkw ist zu überlegen, ob nach dem Gewicht oder nach dem Volumen oder nach einer Kombination aus beiden Größen aufzuteilen ist. Was richtig ist, hängt von den konkreten Umständen ab.[5]
- Das Tierfutter, das bei der Biospritherstellung nebenbei anfällt, mit seinem Heizwert zu bewerten, ist fragwürdig, denn der ist sehr gering, aber dennoch ist es ein hochwertiges Futter.
Streit
Die Ökobilanz von Koppelprodukten hängt entscheidend von der gewählten Aufteilungsmethode ab, jedoch sind sich selbst Experten nicht einig, welcher Ansatz am besten ist. Diskussionen darüber flammen "seit Jahren immer wieder auf".
Meine Meinung
Ich bin ein Anhänger der Zuwachsbetrachtung, aber die Gutschrift-
Eine konsequente Zuwachsbetrachtung führt wahrscheinlich i. A. zu einem Ergebnis wie eine Aufteilung nach Marktwert. In diesem Marktwert stecken nämlich entscheidende Informationen, die widerspiegeln, was tatsächlich passiert. Wenn eine physikalische Größe auf der Hand liegt, kann man auch nach dieser aufteilen. Meistens ist das aber gut zu begründen.
Koppelprodukte werden nie eine wissenschaftlich eindeutige Ökobilanz haben, genauso wie man Fixkosten auf verschiedene Arten aufteilen kann, die alle irgendwie begründbar sind. Der Ökobilanzierer sollte die konkrete Situation genau untersuchen und sich für einen Ansatz entscheiden, aber auch die mögliche Schwankungsbreite bei der Wahl von anderen Aufteilungsmethoden bewusstmachen.
Weiter
Quellen
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[2] | Energieagentur: Primärenergiefaktoren und Treibhausgasemissionen der Fernwärmeerzeugung der Fernwärme Wien GmbH 2006–[3]
| Umweltbundesamt: Emissionsbilanz für die Sun- | [4]
| Eidgenössische Technische Hochschule Zürich: Ökobilanz- | [5]
| Eidgenössische Technische Hochschule Zürich: Ökobilanz- | |