Mario Sedlak
Ökobilanz
Wissenschaft
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Koppelprodukte

Wenn mit denselben Betriebsmitteln gleichzeitig mehrere Produkte hergestellt werden, führt das oft zu Problemen in Ökobilanzen, weil nicht eindeutig bestimmt werden kann, wie die Umweltwirkungen bei der gemeinsamen Herstellung den einzelnen Produkten zugeordnet werden sollen.

Beispiele

In einem weiteren Sinne:

Methoden

Gutschrift

Wenn man ein Hauptprodukt bestimmen kann, dann kann man diesem in der Ökobilanz alle vorgelagerten Umweltwirkungen zuordnen und dann die durch die gleichzeitig produzierten Nebenprodukte vermiedenen Umweltwirkungen abziehen. Dazu bestimmt man die Ökobilanz der Nebenprodukte, wenn diese getrennt produziert worden wären. Hierbei kommt üblicherweise die Zuwachsbetrachtung zum Einsatz,[1] d. h. man fragt z. B.

Problem: Je nachdem, was man zum Hauptprodukt erklärt, ändert sich die Ökobilanz. Für Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung ist es "günstig", wenn man den Strom als Nebenprodukt rechnet, denn dieser ist in der (groben) Zuwachsbetrachtung so schmutzig, dass die ausgekoppelte Wärme scheinbar keine (eigentlich sogar negative) Emissionen verursacht.[2] In Wirklichkeit hat man dabei nur wiederentdeckt, dass Gaskraftwerke relativ saubere Kraftwerke sind. Betrachtet man Strom als Hauptprodukt, würde aus derselben Betrachtung folgen, dass Gaskraftwerke so viel Strom wie möglich und keine Wärme produzieren sollten. In der Praxis werden sie das aber nicht tun, denn Gas ist teuer. Wenn sie nicht voll ausgelastet sind, führt die Auskopplung von Wärme nur zu einem Mehrverbrauch von Gas. Für die Ökobilanz ist in diesem Beispiel also entscheidend, wie genau die Zuwachsbetrachtung gemacht wird.

Sicher falsch ist es, einer Getränkedose den Vorteil der Wiederverwertbarkeit ihres Materials voll als Gutschrift anzurechnen, denn diesen Bonus könnte mit gleichem Recht auch das Produkt, das aus den alten Dosen hergestellt wird, für sich beanspruchen. Für eine faire Aufteilung müsste man sich meines Erachtens genau anschauen, ob generell mehr Alt- oder mehr Neumaterial gebraucht wird. Wenn die meisten Produkte Neumaterial brauchen, dann ist der Vorteil der Wiederverwertbarkeit gering.

Gutschriften werden von Ökobilanzierern oft als willkürlich empfunden und abgelehnt.[3]

Aufteilung nach Marktwert

Der Preis einer Aludose im Verhältnis zum Preis derselben nach Gebrauch könnte eine sinnvolle Aufteilung des Vorteils der Wiederverwertbarkeit sein:

Anderes Beispiel: Bitumen hat einen relativ geringen Marktwert und daher erscheint es gerechtfertigt, die Umweltwirkungen der Raffinerie hauptsächlich den Hauptprodukten Benzin, Diesel usw. zuzuordnen.

Wissenschaftler, die Ökobilanzen als rein naturwissenschaftliche Angelegenheit sehen, lehnen die Berücksichtigung von Marktwerten jedoch ab.[4]

Aufteilung nach Heizwert, Fläche, Volumen oder anderen physikalischen Größen

Eine Aufteilung nach handfesten gemessenen Werten gefällt den meisten Ökobilanzierern am besten. Allerdings muss man sich gut überlegen, welchen Wert man nimmt:

Streit

Die Ökobilanz von Koppelprodukten hängt entscheidend von der gewählten Aufteilungsmethode ab, jedoch sind sich selbst Experten nicht einig, welcher Ansatz am besten ist. Diskussionen darüber flammen "seit Jahren immer wieder auf".

Meine Meinung

Ich bin ein Anhänger der Zuwachsbetrachtung, aber die Gutschrift-Methode erscheint mir zu einfach. In der Praxis wird ein Bauer, der die Reste der Biospritproduktion verfüttert, nicht verstehen, wieso diese in seiner Ökobilanz wie ein extra angebautes Futter zu bewerten sein sollen. In solchen Fällen kommt es leicht zum Schönrechnen durch das Verschieben von Umweltbelastungen auf das jeweils gerade nicht betrachtete Koppelprodukt.

Eine konsequente Zuwachsbetrachtung führt wahrscheinlich i. A. zu einem Ergebnis wie eine Aufteilung nach Marktwert. In diesem Marktwert stecken nämlich entscheidende Informationen, die widerspiegeln, was tatsächlich passiert. Wenn eine physikalische Größe auf der Hand liegt, kann man auch nach dieser aufteilen. Meistens ist das aber gut zu begründen.

Koppelprodukte werden nie eine wissenschaftlich eindeutige Ökobilanz haben, genauso wie man Fixkosten auf verschiedene Arten aufteilen kann, die alle irgendwie begründbar sind. Der Ökobilanzierer sollte die konkrete Situation genau untersuchen und sich für einen Ansatz entscheiden, aber auch die mögliche Schwankungsbreite bei der Wahl von anderen Aufteilungsmethoden bewusstmachen.

Weiter

Ökobilanz nach der Durchschnittsbetrachtung

Quellen

[1]
[2] Energieagentur: Primärenergiefaktoren und Treibhausgasemissionen der Fernwärmeerzeugung der Fernwärme Wien GmbH 2006–2008 (nicht mehr aufrufbar)
[3] Umweltbundesamt: Emissionsbilanz für die Sun-City Wien (PDF, 6 MB), 2001, S. 26
[4] Eidgenössische Technische Hochschule Zürich: Ökobilanz-Allokationsmethoden (PDF), S. 12
[5] Eidgenössische Technische Hochschule Zürich: Ökobilanz-Allokationsmethoden (PDF), S. 11