Mario Sedlak
Wissenschaft
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55-38-7-Regel

Es heißt, zum 1. Eindruck, den eine Person vermittelt, tragen folgende Dinge im angegebenen Verhältnis bei:[1]

Das habe ich in einem Rhetorik-Seminar gelernt. Obwohl die Vortragende solche Kurse seit 15 Jahren hält, war ich der Erste, der fragte, wie denn diese Prozentzahlen zu verstehen sind; einen Sprachinhalt etwa kann man ja nicht so ohne Weiteres mit einem visuellen Eindruck vergleichen. Die Prozentzahlen an sich wurden schon oft hinterfragt, sagte die Vortragende, aber so einen "spitzfindigen" Einwand wie ich brachte noch niemand.[2]

Vergleich

Ich empfinde das überhaupt nicht spitzfindig. Für mich ist die zitierte Aussage so wie zu sagen:

Das Wetter besteht zu 7% aus Temperatur, 38% aus Wind und 55% aus Wasser.

Was könnte so eine Aussage bedeuten? Temperatur wird in Grad Celsius gemessen, Windgeschwindigkeiten in m/s und Wasser kann sein: Niederschlag in Millimeter (= l/m2) sowie Luftfeuchtigkeit in g/m3. Alle diese Größen sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar. Um Prozentzahlen berechnen zu können, müsste man aber alles zu einem Ganzen zusammenfassen, denn jede Prozentzahl sagt aus, wie groß der Anteil an diesem Ganzen ist. Nur um die Behauptung aufzustellen, Temperatur spielt die geringste und Wasser die größte Rolle beim Wettergeschehen, bräuchte man keine Prozentzahlen, wobei auch hier noch präziser zu definieren wäre, was mit "Rolle spielen" gemeint ist. Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man die Aussage verstehen kann, sodass sie einen präzisen Sinn ergibt. Um Mehrdeutigkeiten und Missverständnisse zu vermeiden, sollte man sich eindeutig auf eine festlegen.

Präzisierung

Die 55-38-7-Regel geht auf psychologische Studien von Albert Mehrabian zurück, in denen eigentlich sowas in der Art wie das Folgende gemessen wurde: Wenn sich gesprochenes Wort, Tonfall und Körpersprache einander widersprechen, was wird am ehesten geglaubt? Hier ist die Bedeutung der Prozentzahlen klar: Wie oft halten Versuchspersonen die von einem Schauspieler vorgebrachte Botschaft für glaubwürdig, wenn dieser durch Betonung und/oder Körpersprache das Gegenteil dieser Botschaft "aussendet"?

Eine andere Möglichkeit der Präzisierung wäre: Wenn man nach einem 3-Minuten-Vortrag die Zuhörer bittet, alle Eindrücke, an die sie sich erinnern können, aufzuzählen, werden im Durchschnitt 7% Sprachinhalte, 38% akustische Eindrücke und 55% visuelle Eindrücke genannt. Das ist jedoch eine ganz andere Aussage als die, die Mehrabian in seinen Studien gefunden hat!

Kritik

Aus der 55-38-7-Regel kann man nicht folgern, dass die "Wirkungsstärke" eines Vortrags zu 93% von non-verbaler Kommunikation abhängt, wobei hier noch zu klären wäre, wie die "Wirkungsstärke" und der Anteil non-verbaler Kommunikation zahlenmäßig erfasst wird. Nur für Zahlen können Prozentwerte angegeben werden!

Ich bin sicher, dass man das auch gar nicht so pauschal sagen kann. In einem Computer-Kurs wird der Vortragende weniger auf Körpersprache achten müssen als bei einem Werbevortrag. Und obwohl das Non-Verbale zweifellos wichtig ist, glaube ich nicht, dass die Argumente, die man bringt, nur eine untergeordnete Rolle spielen, wenn man überzeugen will. Also wer meine Meinung ändern will, dem nützt die beste Mimik und Gestik nichts, der braucht gute Inhalte. Aber gut: Ich bin ja auch kein Gefühlsmensch.

Wenn es nicht um ein sachliches Thema, sondern um meine eigenen Gefühle geht, dann glaube ich, dass ich mit Worten allein nicht viel überzeugen kann. Z. B. wird es bei einer Begrüßung oder einer Liebeserklärung weniger auf die gewählten Worte ankommen.

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Gefühlsmensch

Weblinks

Quellen

[1] Albert Mehrabian lt. Sabine Montesquieu, 16.1.2008
[2] Sabine Montesquieu, 16.1.2008