Mario Sedlak
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Preisausreißer in der Marktwirtschaft

Wie kommt es, dass Preise manchmal regelrechte Sprünge machen und von den Kosten besonders weit nach oben oder unten abweichen? In den Jahren nach 2000 bis heute kam es an den Rohstoffmärkten zu Preisschwankungen, die in den Jahrzehnten davor nicht beobachtet wurden. Sind das Auswüchse einer zunehmenden Spekulation?

Ölpreis

Dass ungefähr seit der Jahrtausendwende bei vielen Preisen eine erhöhte Schwankungsfreudigkeit beobachtet wird, überrascht mich nicht, denn auch der Ölpreis verfünffachte sich in dieser Periode zeitweise. Am Preis von Öl orientieren sich auch die Preise von anderen Energieformen, und da die Gewinnung von Rohstoffen meist energieintensiv ist, machen diese die Preisschwankungen ebenfalls mit – auch wenn sie nicht von Spekulanten gehandelt werden.[1] Zur Zeit der Ölkrise in den 1970er Jahren waren die Preisschwankungen ähnlich hoch wie heute.[2]

Inflexible Nachfrage

Wie kann es sein, dass eine kleine Änderung zu einem großen Preisausschlag führt? Leute, die nicht genau wissen, wie die Preisbildung in der Marktwirtschaft funktioniert, sind oft überzeugt, dass der Preis um max. 10% steigen sollte, wenn das Angebot um 10% sinkt (z. B. im Fall einer Missernte). In Wirklichkeit ist die Nachfrage nicht so stark vom Preis abhängig. So ist z. B. der Weltzuckermarkt von starken Überschuss- und Mangelsituationen geprägt:

An der Grenze zwischen Überschuss und Mangel können auf diese Weise auch sehr kleine Angebotsänderungen zu kräftigen Preisausschlägen führen.

Vergleich

Eine Gruppe Wanderer will die Sahara-Wüste durchqueren. Sie nehmen mehr als genug Trinkwasser mit. Falls einer doch noch was braucht, würden sie ihm sogar was verkaufen, damit sie das Wasser nicht unnötig herumtragen müssen. Aufgrund des allgemeinen Überschusses wäre der Preis nahe 0. Gibt es aber aus irgendeinem Grund doch zu wenig für alle – oder wird das auch nur befürchtet! –, kann der Preis für 1 Liter Trinkwasser plötzlich ins Extreme steigen, da mitten in der Wüste weder das Angebot erhöht noch die Nachfrage gesenkt werden kann.

Subventionen

Der Anbau von Biomasse zur Gewinnung erneuerbarer Energie wird massiv gefördert. Selbst wenn es stimmt, dass weltweit nur 4,5% der Anbauflächen für Biosprit verwendet werden, kann der geförderte Anbau als Preistreiber wirken, denn die Bauern haben nun ein starkes Argument für Preisverhandlungen:

Entweder du zahlst mir für Lebensmittel mehr, oder ich bau Energiepflanzen an!

Auf den Prozentanteil kommt es da gar nicht an. Selbst wenn kein einziger Acker mit Energiepflanzen bestellt werden würde – allein die Möglichkeit, damit mehr verdienen zu können, würde die Preise bereits steigen lassen! Entscheidend ist lediglich, dass die Förderung unbegrenzt oder für hinreichend große Mengen gewährt wird, damit die inflexible Nachfrage nach Lebensmitteln in Konkurrenz zu der subventionierten Nachfrage nach Bioenergie gerät.

Vergleich

Angenommen, Bill Gates stellt unbegrenzt Anwälte ein und zahlt jedem ein Gehalt von 10 000 €/Monat. Alle anderen Firmen, die derzeit Anwälte beschäftigen, müssten ihnen dann ebenso viel zahlen, wenn sie sie behalten wollen. Nehmen wir weiter an, dass keine der Firmen auf einen Anwalt verzichten kann, dann hat Bill Gates die Gehälter der Anwälte erhöht, ohne auch nur einen einzigen abgeworben zu haben.

Marktsperren

Wenn Preise steigen, verhängen Länder manchmal ein Exportverbot (z. B. von Reis oder Weizen), um ihre Bevölkerung zu entlasten, da durch die entfallende Auslandsnachfrage die Preise in dem Land sinken. Auf dem Weltmarkt verschärfen sie hingegen den Mangel, sorgen für Panik bei den Importländern[3] und verstärken den Preisausreißer. Zudem haben die Produzenten in dem abgeschotteten Land einen geringeren Anreiz, die Produktion auszuweiten, da sie aufgrund des Exportverbots nur den künstlich niedrig gehaltenen Preis bekämen.

Wird im umgekehrten Fall – bei zu niedrigen Preisen – ein Importverbot erlassen, hilft das den inländischen Produzenten, lässt dafür aber den Weltmarktpreises noch weiter nach unten rasseln.

Zukunftsaussichten

Immer wieder wundert man sich, wieso es zu einem Preisausreißer kommt, wo doch derzeit Angebot und Nachfrage im Einklang sind. – Ja, derzeit, aber bei lagerfähigen Gütern zählen die Preiserwartungen für die Zukunft. Nur wenn die Erwartungen ohne objektiven Grund steigen, handelt es sich um eine spekulative Blase.

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Politik

Quellen

[1] Deutsches Wirtschaftsministerium: Schlaglichter der Wirtschaftspolitik, 1.7.2011 – "Preisschwankungen waren auch auf Rohstoffmärkten zu beobachten, obwohl keine Indexfonds auf den entsprechenden Terminmärkten engagiert waren."
[2] Michael Schmitz, Professor für Agrar- und Entwicklungspolitik, im Streitgespräch mit Foodwatch – "Die Preisschwankungen waren Anfang der 70er Jahre ähnlich hoch wie heute – ohne große Zuflüsse an Kapital. Im Übrigen sind die Preise 2007/08 auch auf Märkten explodiert, wo keine Indexfonds aktiv waren wie beispielsweise bei Reis, und wo gar keine Terminmärkte existierten."
[3] Ingo Pies: Eine wirtschaftsethische Kritik der zivilgesellschaftlichen Kampagne gegen Agrarspekulation (PDF, 1 MB), S. 8 (Folie 13)