Mario Sedlak
Strommarkt
Siehe auch
Hauptthemen

Kritik an der Stromkennzeichnung

Fehlender Nachfragedruck

Die Stromkennzeichnung ist im Prinzip eine gute Idee, aber sie verfehlt meiner Meinung nach ihren Zweck. Der Grund ist, dass es viel zu wenig Stromkunden gibt, die sauberen Ökostrom nachfragen. Derzeit sind in Österreich nur etwa 1% aller Haushalte Kunde von einem Ökostrom-Anbieter.[1] Ca. 50% der Kunden in Österreich könnten sofort mit "sauberem Wasserkraftstrom" versorgt werden. Aber selbst wenn tatsächlich jeder 2. Österreicher auf reine Wasserkraft umsteigt, würde sich an der Stromproduktion nicht unbedingt etwas in Richtung Energiewende ändern. Es würden lediglich die restlichen 50% der Kunden, denen die Herkunft ihres Stroms egal ist, dann den gesamten "schmutzigen" Strom allein verbrauchen. Also eine rein rechnerische Umschichtung und keinerlei Vorteil für die Umwelt.

Deswegen bin ich davon abgekommen, der Stromkennzeichnung eine große Hilfe bei der Entscheidung für einen Anbieter zuzumessen. Siehe stattdessen Kriterien für die Auswahl eines Ökostrom-Anbieters

Nur Durchschnittswerte

Aus der Stromkennzeichnung lässt sich nicht ablesen, welche Kraftwerke tatsächlich den Strom produziert haben, als ich ihn gebraucht habe. Es wird nur belegt, dass die von mir verbrauchten Kilowattstunden irgendwann während des Jahres irgendwo in Europa erzeugt wurden. Trotz "0% Atomstrom" kann also de facto zu gewissen Zeiten mein Strom aus einem Atomkraftwerk kommen. Das belegt meines Erachtens, wie nichtssagend die Stromkennzeichnung ist.

Ein Vergleich

Ein Blumenhändler verspricht Bio-Schnittblumen, die wöchentlich frisch geliefert werden. Doch in Wirklichkeit sind nicht alle gelieferten Blumen "Bio". Zu Zeiten von Ernteüberschuss werden dafür Bio-Schnittblumen an andere Händler verkauft (ohne Erlaubnis, sie als Bio-Blumen weiterzuverkaufen). Das wäre dann dasselbe wie bei der Stromkennzeichnung.

Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Bio-Produkten und Ökostrom:

Produktmix contra Versorgermix

Stromanbieter dürfen verschiedene Stromprodukte anbieten, z. B. "100% Wasserkraft". Solche Produkte mit eigener Stromkennzeichnung sind sehr umstritten, weil sie anhand einer rein rechnerischen Umverlagerung entstehen können. Damit nichts auf diese Weise beschönigt werden kann, verlangen Kritiker wie die E-Control[2], dass nur der gesamte vom Stromanbieter verkaufte Strom gekennzeichnet wird. Die Kennzeichnung des Stromprodukts soll nicht einmal zusätzlich erfolgen sondern ganz unterbleiben. Doch meiner Meinung nach wird mit dieser Forderung nichts erreicht: Die Stromanbieter gründen einfach 100%-Tochtergesellschaften.

Im Gegenteil, die "Vereinfachung" kann meines Erachtens sogar kontraproduktiv sein. Z. B. bietet die Firma Oekostrom zwei Stromprodukte an und kennzeichnet beide mit dem Durchschnittswert ("Versorgermix"). So erfährt ein Kunde gerade nicht, welche Stromerzeugung er in welchem Ausmaß unterstützt.

Weiter

Missverständnisse bei der Stromkennzeichnung

Weblinks

Quellen

[1] Firma Oekostrom: Geschäftsbericht und Nachhaltigkeitsbericht 2005 (PDF), S. 28
[2] E-Control: Stromkennzeichnungsbericht 2010 (PDF, 9,2 MB), S. 13